1. August 1914. Auf dem Weg zu Flanderns Feldern…

 

In Flan­ders Fields

In Flan­ders fields the pop­pies blow
Bet­ween the crosses, row on row,
That mark our place; and in the sky
The larks, still bra­vely sin­ging, fly
Scar­ce heard amid the guns below.

We are the dead. Short days ago
We lived, felt dawn, saw sun­set glow,
Loved, and were loved, and now we lie
In Flan­ders fields.

(John McCrae)

Eine Veranstaltung, die in ihrer Absurdität und Skurrilität ihres gleichen sucht. ” Ein Gastbeitrag zum neuen Engels-Denkmal

Aktu­ell wird es immer noch heiß dis­ku­tiert, das neue Fried­rich-Engels-Denk­mal, heu­te zum Bei­spiel in der West­deut­schen Zei­tung: Engels-Sta­tue: „Das ist weder Kunst noch ein Denk­mal“. Auch die Wup­per­ta­ler Else-Las­ker-Schü­ler-Gesell­schaft hat sich bereits ein­deu­tig kri­tisch geäu­ßert:

Eine “Ehrung” Engels vom Ver­tre­ter einer Dik­ta­tur, die mit allen Mit­teln
freie Mei­nun­gen unter­drückt, ist nicht nur eine all­ge­mei­ne Ver­höh­nung
der wich­tigs­ten Wer­te, die für alle Men­schen glei­cher­ma­ßen gel­ten,
son­dern auch eine Ver­höh­nung eines Man­nes, den man zu ehren vor­gibt, der
aber selbst erst durch  die Mög­lich­keit und Nut­zung der frei­en
Mei­nungs­äu­ße­rung zu dem wer­den konn­te, was er spä­ter war. Dafür wür­de er
heu­te in Chi­na inhaf­tiert — so der Vor­sit­zen­de der Else
Las­ker-Schü­ler-Gesell­schaft.”

An die­ser Stel­le erscheint des­halb ein Gast­bei­trag von Chris­to­pher Rein­bo­the, der sich mit der Ein­wei­hung des Denk­mals aus­ein­an­der­setzt:

Engels für Wuppertal

China’s Geschenk

 

Am Mitt­woch ist in Wup­per­tal eine vier Meter hohe Bron­ze­skulp­tur ein­ge­weiht wor­den: Ein Geschenk.Die Volks­re­pu­blik Chi­na schenkt der Geburts­stadt von Fried­rich Engels eine Plas­tik. Ein Abbild des gro­ßen Phi­lo­so­phen. Am 11. Juni war es also soweit: Gro­ßer Bahn­hof für einen gro­ßen Sohn die­ser Stadt. Als guter Kom­mu­nist habe ich mir natür­lich frei genom­men. Die­ses Schau­spiel woll­te ich mir nicht ent­ge­hen las­sen — es hat sich tat­säch­lich gelohnt! Eine Ver­an­stal­tung, die in ihrer Absur­di­tät und Skur­ri­li­tät ihres glei­chen sucht. Deren Viel­schich­tig­keit in poli­ti­schen, his­to­ri­schen und phi­lo­so­phi­schen Fra­gen kaum zu begrei­fen ist. Begin­nend mit einem schein­bar über­pro­por­tio­na­len Poli­zei­auf­ge­bot und nicht ein­mal einer Hand voll (offen­sicht­li­cher) Demons­tran­ten: Tibet, natür­lich. Von den ange­kün­dig­ten Ai-Wei-Wei-Anhän­gern fehl­te jede Spur. Zumin­dest habe ich nie­man­den gese­hen. Zu sehen war aller­dings ein Groß­teil der Wup­per­ta­ler Polit­pro­mi­nenz — ein­hel­lig aller Cou­leur. Vorn­hin­ge­stellt: der Ober-meis­ter Herr Jung, der sich in einer Dank­sa­gung ver­such­te — dabei aller­dings kläg­lich schei­ter­te.

Engels schwebt über Jour­na­lis­ten. © Chris­to­pher Rein­bo­the

In einem von Ober­fläch­lich­keit gepräg­ten Geplän­kel ließ er es sich nicht neh­men anzu­mer­ken, dass man Herrn Engels bei uns immer mal wie­der auch »durch­aus kri­tisch« beäugt habe und beäu­ge. Vor dem Hin­ter­grund der Ver­hält­nis­se ›damals‹ wären sei­ne The­sen wohl ver­tret­bar gewe­sen, doch heu­te sind die Arbeits­be­din­gun­gen doch bes­ser — ›jetzt‹ und ›hier‹ bei uns. Und obwohl offen gelas­sen wur­de, ob die Ver­hält­nis­se ›dort‹ schlech­ter sind und wo genau die­ses ›dort‹ denn sein soll­te, trat man mit die­sen spär­lich ver­pack­ten Anspie­lun­gen den edlen Spen­dern in mei­nen Augen ent­schie­den zu nah — oder nicht nah genug? Wie dem auch sei: die Dele­ga­ti­on lächel­te tap­fer wei­ter — wie es so ihre mil­de Art ist. Herr Jung woll­te eine Lan­ze für die sozia­le Markt­wirt­schaft bre­chen: »Es ist nicht alles schlecht! Wir brau­chen die­sen Engels doch bei uns gar nicht.« Es klang wie eine bil­li­ge Recht­fer­ti­gung: War­um und wie­so man — er! — sich nicht mit den Theo­ri­en eines Marx und Engels beschäf­ti­gen muss. Im Engels­gar­ten mach­te sich Rat­lo­sig­keit breit: soll­ten die Chi­ne­sen ihre Sta­tue wie­der ein­pa­cken? Hier wür­de sie allem Anschein nach tat­säch­lich nicht benö­tigt.
Einen Aus­weg aus der aus­sichts­lo­sen Posi­ti­on, in die er sich (gedan­ken­los, unwis­sent­lich, trot­zig?) manö­vriert hat­te, such­te er dann in der Wirt­schaft und, auch wenn man sich dort mit den fol­gen­den chi­ne­si­schen Red­nern traf, eigent­lich ist es trau­rig.
Ein Fried­rich Engels hat soviel mehr ver­dient als Plat­ti­tü­den, die bezeu­gen, dass sich jemand — er! — noch nie mit dem außer­or­dent­li­chen Leben aus­ein­an­der­ge­setzt hat. Es war, als ob ein Blin­der vom Farb­fern­se­hen spricht. Aber was soll­te man von einem wert­kon­ser­va­ti­ven Poli­ti­ker mehr erwar­ten? Er war gera­de­zu dazu ange­tre­ten das Kli­schee der Ableh­nung allen lin­ken Gedan­ken­gu­tes zu beto­nie­ren. Doch zumin­dest etwas mehr Wert, wenn es denn schon kon­ser­va­tiv sein muss­te, hät­te ich mir gewünscht. Mehr­wert. Wert­schät­zung: Des Geehr­ten, der Gäs­te, der Wohl­tä­ter. Von denen tra­ten nun gleich drei an, um zu reden, aber auch hier blieb es nett ober­fläch­lich. Wahr­schein­lich auch der Sprach­bar­rie­re geschul­det, wich man immer wie­der auf die sich anbah­nen­den Tou­ris­ten und die Stär­kung der guten wirt­schaft­li­chen Bezie­hun­gen aus.

Ein­zig der Künst­ler — Prof. Dr. Zeng — wag­te sich etwas wei­ter vor. Er beton­te sei­nen Gruß an die Bür­ger und ver­such­te wenigs­tens kurz zu umrei­ßen was den Reiz eines Engels in Chi­na aus­macht: Wahr­ge­nom­men als Uni­ver­sal­ge­lehr­ter ver­gleich­bar mit unse­ren Her­ren Goe­the und Schil­ler sehen wir im Engels­gar­ten kein Abbild des Fabri­kan­ten­sohn aus Bar­men. Kein Schnapp­schuss aus dem beweg­ten Leben des Revo­lu­tio­närs und Gesell­schafts­theo­re­ti­kers. Viel mehr steht dort ein Mythos: Ein chi­ne­si­scher Sieg­fried. Ein ber­gi­scher Bud­dha. In den asia­ti­schen Kul­tu­ren ist der Über­gang zwi­schen rea­ler Geschich­te und fan­tas­ti­scher Erzäh­lung viel flie­ßen­der, als in unse­rem Kul­tur­kreis. Unser peni­bler Wahn müh­se­lig Rea­li­tät von Fik­ti­on zu tren­nen ver­sperrt uns an die­ser Stel­le einen Zugang. Die­ser knapp vier Meter hohe Titan ist die Geschich­te eines deut­schen Den­kers und Revo­lu­tio­närs, die gen Osten erzählt und dort wei­ter­ge­tra­gen wur­de. Eine Sage für die räum­li­che Ent­fer­nung kei­ne Rol­le spielt, son­dern die auch einem Meis­ter Zeng als Kind­heits­held erhal­ten geblie­ben ist. Die­ser alte Wei­se kann und will sei­ne asia­ti­schen Ein­flüs­se nicht leug­nen: sei es die mar­kan­te Form der Augen und Wan­gen­kno­chen oder sein Gewand. Engels selbst war nie in Chi­na, sein Geist — sein Abbild — ist immer dort und wird dort wei­ter­ge­spon­nen.

Sein — durch sein Erle­ben im Deutsch­land des 19. Jahr­hun­derts gepräg­tes — Leben hat nicht nur in Euro­pa, son­dern in Asi­en und auf der gan­zen Welt das Den­ken und Leben vie­ler ande­rer Men­schen bis heu­te beein­flusst. Und auch wenn sich ein Herr Jung dage­gen sträu­ben mag: ohne Engels und Marx und ihre Schrif­ten wären die Arbeits­be­din­gun­gen heu­te hier noch lan­ge nicht so gut. Laut der Welt ist »His­to­ri­sches Bewusst­sein […] das heh­re Ide­al, für das [Muse­ums­lei­ter] Ill­ner brennt«, viel­leicht soll­te er beim OB etwas Nach­hil­fe geben. Wenn wir Engels nicht geden­ken und bewusst wei­ter­den­ken, dann wer­den wir in Zukunft nicht bestehen!
Denn auch wenn ein chi­ne­si­sches Sprich­wort besagt ›Nur groß­ar­ti­ge Orte (wie Wup­per­tal) kön­nen groß­ar­ti­ge Men­schen (wie Engels) her­vor­brin­gen.‹ soll­ten wir dies nicht als gege­ben hin­neh­men, son­dern dar­an arbei­ten sei­nem Bei­spiel zu fol­gen.

(CC BY-NC-SA 3.0 DE)

In eigener Sache — eine Zäsur

Vor weni­gen Minu­ten wur­de Ein­trag Nr. 530 ver­öf­fent­licht, er mar­kiert eine klei­ne Zäsur in die­sem Blog. Es ist der vor­erst letz­te Ein­trag, der sich mit den Denk­mä­lern, Brun­nen oder Plas­ti­ken der alten Bun­des­re­pu­blik beschäf­tigt. Gewiss, es gibt noch hier und da nicht geschrie­be­ne Ein­trä­ge, aber die­se benö­ti­gen noch wei­te­ren Recher­che­auf­wand. Die Objek­te, die Ruth Mey­er-Kahr­weg in ihrem Werk “Denk­mä­ler, Brun­nen und Plas­ti­ken” vor­stellt und aus dem ich mich groß­zü­gig bedient habe, deren Arti­kel ich aktua­li­siert und mit eige­nem Bild­ma­te­ri­al ver­se­hen habe, sind nun größ­ten­teils vor­ge­stellt, das Werk erschien 1991. 15 Jah­re Vor­ar­beit benö­tig­te Frau Mey­er-Kahr­weg [1], bis sie ihr Buch ver­öf­fent­li­chen konn­te, die­ser Blog geht im Febru­ar in sein vier­tes Jahr, er ist gewis­ser­ma­ßen der Zwerg auf den Schul­tern eines Rie­sen. 
325 Denk­mä­ler, Gedenk­ta­feln und ande­re Erin­ne­rungs­zei­chen wur­den vor­ge­stellt, 5 Tür­me, 41 Brun­nen und 77 Plas­ti­ken aller Art (Sum­ma sum­ma­rum: 450 Objek­te). Wer­ke aus RMK, wie ich das Buch in den Fuß­no­ten abge­kürzt habe, die noch feh­len, sind nicht mehr am Stand­ort und ihr Schick­sal gilt es zu ermit­teln. Auch für die neu­en Denk­mä­ler und Plas­ti­ken, die bis­lang nicht vor­ge­stellt wur­den, ist der Recher­che­auf­wand ungleich höher als wenn man auf Vor­ar­beit zurück­grei­fen kann, denn es ist oft müh­se­lig den betrof­fe­nen Stel­len die Infor­ma­tio­nen aus der Nase zu zie­hen und auch die Zei­tung als Quel­le ist in den letz­ten 20 Jah­ren erschre­ckend dünn gewor­den. Des­halb braucht die­ser Blog eine klei­ne Recher­che­pau­se, in der auch Lie­gen­ge­blie­be­nes auf und weg­ge­räumt wer­den soll. Daher geht es hier erst am Geburts­tag wei­ter, am 7. Febru­ar. 
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[1] Ulla Dah­men-Ober­bos­sel, Dich­ter, Kai­ser, Tote: Denk­mä­ler der Stadt, in: WZ vom 5. Dezem­ber 1991. 

Neu im Blog: Schulschmuck

Es gibt eine neue Kate­go­rie im Blog: Schul­schmuck.
Gemeint sind damit all jene Plas­ti­ken, Skulp­tu­ren und Brun­nen, die in Schu­len oder auf Schul­hö­fen zu fin­den sind. Vor allem zwi­schen 1950 und 1980 ent­stand hier­von im Rah­men von ver­pflich­ten­der “Kunst am Bau” eine gro­ße Zahl von Objek­ten, die eine “halb­öf­fent­li­che” Stel­lung haben. Des­we­gen habe ich sie vom frei­zu­gäng­li­chen und “vol­l­öf­fent­li­chen” Stadt­schmuck getrennt, wo sie bis­her zu fin­den waren.

Neuschöpfung des Figurenschmucks am Elberfelder Rathaus: Mein Standpunkt

Am Diens­tag der letz­ten Woche (2. Juli) berich­te­te die WZ vom Plan des Wup­per­ta­ler Mäzens Hans-Joa­chim Cam­p­hau­sen, am Elber­fel­der Rat­haus die vier Fürs­ten­fi­gu­ren zu erneu­ern, die  Bar­ba­ros­sa, Johann III. von Jülich-Kle­ve-Berg, Fried­rich Wil­helm III. und Wil­helm II. dar­stel­len. Wäh­rend es erst zunächst so schien, als sei alles schon beschlos­se­ne Sache (WZ vom 9.Juli), führ­te die ein­set­zen­de Dis­kus­si­on in den Augen der Wup­per­ta­ler Zei­tung zu einer Spal­tung der Stadt. Ges­tern erteil­te der unglück­lich agie­ren­de Ober­bür­ger­meis­ter dem Vor­ha­ben die end­gül­ti­ge Absa­ge, zusätz­lich wird sich die Stadt auf­grund die­ser Erfah­rung eine Schen­kungs­sat­zung geben, sodass der Stadt­rat zukünf­tig zu ent­schei­den hat. Schaut man sich die Kom­men­ta­re unter den WZ-Arti­keln an, ist die Beob­ach­tung einer Spal­tung der Stadt sicher nicht von der Hand zu wei­sen, auch wenn es dort eher laut­stark als sach­lich zuging. 
Ich habe dort auch ein wenig kom­men­tiert (sach­lich, natür­lich), und ich den­ke, es ist sinn­voll, wenn ich in die­sem Blog mei­nen Stand­punkt zur Dis­kus­si­on stel­le.

Vor­ab der Ver­weis auf die bei­den Ein­trä­ge zur den alten Figu­ren und den bereits erfolg­ten Rekon­struk­tio­nen:

Es gibt in mei­nen Augen drei wesent­li­che Punk­te, die man bei der Debat­te berück­sich­ti­gen muss und von denen die ers­ten bei­den dazu füh­ren, dass ich eine Neu­schöp­fung der Stand­bil­der ableh­ne.

  1. Der zen­trals­te Punkt ist der Fakt, dass es sich nicht um Restau­ra­tio­nen, son­dern um Neu­schöp­fun­gen han­delt. Die in den WZ-Kom­men­ta­ren und der Stel­lung­nah­me der CDU zu lesen­den For­mu­lie­rung,
    man stel­le ja nur den “dama­li­gen” oder “Ur-“Zustand des Rat­hau­ses wie­der her, ist
    irre­füh­rend. Es bleibt zunächst unklar, wel­cher Zustand gemeint ist. Bei der Ein­wei­hung des Rat­hau­ses 1900 durch eben jenen nun den Streit erzeu­gen­den Kai­ser, waren die Figu­ren noch nicht vor Ort. Dar­über hin­aus gibt es meh­re­re “his­to­ri­sche” Pha­sen des Rat­hau­ses, aber des­we­gen hän­gen wir ja am 30. Janu­ar auch kei­ne Haken­kreuz-Fah­nen am Rat­haus auf. War­um also soll genau die­ser Zustand wie­der­her­ge­stellt wer­den? Das bleibt in der Argu­men­ta­ti­on der Befür­wor­ter unklar.
    Aber viel ent­schei­den­der ist: Hier wird nichts restau­riert, hier wird Neu­es
    geschaf­fen. Denk­mä­ler sind, nach dem Ber­li­ner
    Poli­tik­wis­sen­schaft­ler und His­to­ri­ker Peter Rei­chel, Deu­tungs- und
    Iden­ti­fi­ka­ti­ons­an­ge­bo­te, sie die­nen der Fest­schrei­bung eines
    Geschichts­bil­des in der Öffent­lich­keit und tref­fen eine Aus­sa­gen
    über den his­to­ri­schen Gegen­stand und den Stif­ter und
    sei­ne Zeit. Da es Neu­schöp­fun­gen sind, trä­fen die Denk­mä­ler eine Aus­sa­ge über unse­re Gegen­wart von 2013, nicht jene von 1901/02! Wel­che Aus­sa­ge wird also heu­te getrof­fen, in dem wir unter ande­rem Wil­helm II. ein Denk­mal set­zen? War­um sind die genann­ten Herr­scher auch heu­te noch erin­ne­rungs­wür­dig?
    1901/02 dien­ten sie der Illus­tra­ti­on der Geschich­te Elber­felds,
    ent­spre­chend dem Geschichts- und Poli­tik­ver­ständ­nis der Zeit
    über­nahm man die damals gän­gi­ge Ver­eh­rung der deut­schen Köni­ge
    und Kai­ser. Wie aber kön­nen wir in einer Demo­kra­tie, in der das
    Volk der Sou­ve­rän ist, Mon­ar­chen ehren? Wie kön­nen wir, wenn wir
    den Namen Let­tow-Vor­beck von unse­ren Stra­ßen­schil­dern neh­men,
    sei­nen obers­ten Dienst­her­ren neu ehren? Einen Anti­se­mi­ten und
    Anti­de­mo­kra­ten, einen Mili­ta­ris­ten und Kolo­nia­lis­ten? Einen Herr­scher, unter des­sen Diplo­ma­tie das
    Deut­sche Reich sich selbst in Euro­pa iso­lier­te und schließ­lich die
    ent­schei­den­de Rol­le beim Aus­bruch des Ers­ten Welt­kriegs spiel­te. Man
    mag dar­über strei­ten, ob die­ser schwa­che Mann und schwa­che Regent,
    der zu kei­ner kon­se­quen­ten, lang­fris­ti­gen Poli­tik in der Lage war,
    ein „Kriegs­trei­ber“ war. Fak­tum ist, dass er den Krieg nicht
    ver­hin­dert hat, obwohl die Ent­schei­dung über Krieg und Frie­den
    gemäß der Ver­fas­sung des Deut­schen Rei­ches bei ihm lag. Die
    hek­ti­schen Ver­su­che den Krieg in letz­ter Minu­te zu ver­hin­dern,
    spre­chen dabei eher für sein man­geln­des Urteils­ver­mö­gen und die
    Lau­nen­haf­tig­keit des Kai­sers als dafür, dass er den Krieg von Anfang nicht woll­te. Wel­che Schlag­zei­le pro­vo­zier­ten wir mit der Ehrung Wil­helms II. 99 Jah­re nach dem Ers­ten Welt­krieg?
    Fried­rich Wil­helm III. wur­de dafür geehrt, Elber­feld von
    den Fran­zo­sen 1813 befreit und 1815 Preu­ßen ange­glie­dert zu haben.
    Wol­len wir die­se Aus­sa­ge, die damals eng im Zusam­men­hang mit der
    deutsch-fran­zö­si­schen Feind­schaft stand, heu­te wie­der­ho­len? Wol­len
    wir einen Herr­scher ehren, der vom Got­tes­gna­den­tum sei­ner
    Königs­wür­de über­zeugt war? Wol­len wir einen Herr­scher ehren, der
    die Pres­se­zen­sur ein­führ­te und die Uni­ver­si­tä­ten über­wa­chen ließ?
  2. Min­des­tens eben­so wich­tig ist es
    in mei­nen Augen, eine Stif­tung von jeman­dem abzu­leh­nen, der nicht in
    der Lage ist, das Ver­spre­chen einer his­to­risch kor­rek­ten Rekon­struk­ti­on ein­zu­lö­sen. Wie die WZ am 2. Juli berich­tet, erklär­te Herr Cam­p­hau­sen, dass
    „kei­ne his­to­ri­schen Abbil­dun­gen vor­lie­gen“. Wie kann es sein,
    dass jemand mit einem so teu­ren und bedeu­tungs­vol­len Vor­ha­ben, sich
    nicht im Stadt­ar­chiv die ent­spre­chen­den Abbil­dun­gen besorgt? Oder
    sich an die Unte­re Denk­mal­schutz­be­hör­de wen­det? Hier auf denkmal-wuppertal.de sind sol­che Abbil­dun­gen vor­han­den.
    Wenn man die bereits erfolg­te
    Neu­stif­tung des Rit­ters von Elber­feld, der Gerech­tig­keit und Wahr­heit betrach­tet, erkennt man, dass von einer
    Rekon­struk­ti­on,  die “den Ori­gi­nal­zu­stand” wie­der her­stellt, kei­ne Rede sein kann. Es sind schlech­ten
    Kopi­en, die, da auf die „Rekon­struk­ti­on“ nicht ver­wie­sen wird, den den his­to­ri­schen Ein­druck für den unbe­darf­ten Betrach­ter eher ver­fäl­schen als wie­der­her­stel­len. Auch wenn man sich das
    Armen­pfle­ge­denk­mal und den Gerech­tig­keits­brun­nen ansieht, fällt auf, dass bei bei­den sowohl der Stand­ort als auch die Aus­rich­tung des Denk­mals
    kei­nes­wegs dem his­to­ri­schen Vor­bild nach­emp­fun­den wur­de. Einen Hin­weis dazu sucht man ver­ge­bens. (Die his­to­ri­schen Vor­bil­der: Armen­pfle­ge-Denk­mal (1903),  Der Gerech­tig­keits­brun­nen (1910) )
  1. Der drit­te Punkt bezieht sich auf das Ver­fah­ren. Es kann in einer Demo­kra­tie nicht sein, dass die Legis­la­ti­ve (der Stadt­rat) und damit die Ver­tre­tung aller Bür­ger, aus die­sem Ver­fah­ren aus­ge­schlos­sen wird. Ein öffent­li­ches Denk­mal an einem öffent­li­chen Gebäu­de, einst das Zen­trum der Elber­fel­der Demo­kra­tie, kann nicht als Ver­wal­tungs­vor­gang beschlos­sen wer­den. Die Stadt trifft mit der Annah­me (oder Nicht­an­nah­me) einer sol­chen Schen­kung eine Aus­sa­ge. Die Stadt, das sind wir, und wir wer­den ver­tre­ten vom Stadt­rat. Nicht vom Ober­bür­ger­meis­ter.
Zum Schluss will ich noch zwei Din­ge klar­stel­len. Ich bin Herrn Cam­p­hau­sen dank­bar, dass er sich so für sei­ne unse­re Stadt ein­setzt. Lei­der über­zeu­gen sei­ne Bemü­hun­gen, das alte Elber­feld zurück­zu­brin­gen, qua­li­ta­tiv nicht. Und er hat nicht bedacht, dass eine Neu­stif­tung eines Denk­mals einer his­to­ri­schen Per­son nicht das glei­che ist, wie die Neu­stif­tung von alle­go­ri­schen Figu­ren. Die Aus­sa­ge “Gerech­tig­keit” ist etwas ande­res, als das Abbild deut­scher Kai­ser und Herr­scher. 
Die Argu­men­ta­ti­on in Punkt
1 in kein Auf­ruf zum Denk­malsturm. Das Bis­marck-Denk­mal oder das
Kai­ser Wil­helm II.-Denkmal am IC-Hotel sol­len und dür­fen
selbst­ver­ständ­lich das Stadt­bild berei­chern. Denn sie ste­hen dort
als his­to­ri­sches Relikt des Geschichts­bilds einer ver­gan­ge­nen Zeit
und erzäh­len von der Inter­pre­ta­ti­on die­ser Per­so­nen in ihrer Zeit.
Genau­so wie die Denk­mä­ler von heu­te unser Geschichts­bild den
nach­fol­gen­den Genera­tio­nen erzäh­len. Wel­che Aus­sa­gen wol­len wir hin­ter­las­sen?

Neu im Blog: Übersichtsseite zum Skulpturenpark Johannisberg

In den den letz­ten Wochen sind hier in die­sem Blog fast alle 12 Objek­te vor­ge­stellt wor­den, die zusam­men den soge­nann­ten Skulp­tu­ren­park Johan­nis­berg bil­den. Nun gibt es für die­sen auch eine Über­sichts­sei­te, die über den Men­u­punkt Stadt­schmuck gefun­den wer­den kann. Die noch feh­len­den Skulp­tu­ren wer­den in den nächs­ten zwei Wochen vor­ge­stellt.

Gestern ist heute nicht vorbei

Letz­te Woche habe ich hier im Blog den Gedenk­stein und Gedenk­baum für die in der Lan­des­frau­en­klink gestor­be­nen Kin­der von Zwangs­ar­bei­te­rin­nen vor­ge­stellt. Die Geschich­te, die hin­ter der Ent­ste­hung des Gedenk­steins steckt, zeigt anschau­lich, dass die Ver­gan­gen­heit noch lan­ge nicht ver­ges­sen und “vor­bei” ist und Bedeu­tung für die Gegen­wart, ja auch die Zukunft hat. Und sie zeigt, wie die Beschäf­ti­gung mit Altem neue Brü­cken schla­gen kann. Beim Stu­di­um alter Ope­ra­ti­ons­bü­cher der Wup­per­ta­ler Lan­des­frau­en­kli­nik (heu­te St. Anna-Kli­nik) im Archiv des LVR fan­den sich zum eher abs­trak­ten, unper­sön­li­chen Schlag­wort “Zwangs­ar­bei­te­rin­nen” erst­mals Namen und die Anfän­ge, Bruch­stü­cke einer Bio­gra­fie. Dann kam über die ukrai­ni­sche Natio­nal Stif­tung ein Kon­takt zustan­de und man wuss­te, hin­ter wel­chen die­ser Namen sich heu­te noch leben­de Frau­en ver­ber­gen. Eine ers­te Besuchs­grup­pe kam im März 2006 nach Nord­rhein-West­fa­len und nach Wup­per­tal, wo zwei der drei Frau­en ihre Kin­der in der Lan­des­frau­en­kli­nik ent­bun­den hat­ten und die ande­re gebo­ren wor­den war. Aus den Namen und bio­gra­fi­schen Daten wur­den Men­schen aus Fleisch und Blut, mit Stim­me, Blick­kon­takt und leb­haf­ter Erin­ne­rung an die Zeit in Wup­per­tal. Aus dem vagen und abs­trak­ten Begriff Zwangs­ar­bei­te­rin­nen wur­den Per­so­nen und Per­sön­lich­kei­ten mit ihrer eige­nen, anrüh­ren­den Geschich­te, die nicht in Daten, Zah­len und Begrif­fen erstickt, son­dern vol­ler Leben­dig­keit Details, Gedan­ken und Erin­ne­run­gen erzählt.
Bewun­derns­wer­ter Wei­se mach­te der LVR wei­ter und lud wei­te­re Zwangs­ar­bei­te­rin­nen ein und besuch­te sie selbst in ihrer ukrai­ni­schen Hei­mat.  Aus all­dem ent­stand eine (Wander-)Ausstellung, die nun seit dem 4.Dezember dau­er­haft im Ganz­tags­gym­na­si­um Johan­nes Rau zu Hau­se ist und aus der nun eine Inter­net­sei­te gewor­den ist, auf der jeder die Geschich­ten der Frau­en, die in Wup­per­tal Müt­ter wur­den, teil­wei­se ihre Kin­der ver­lo­ren und unter äußerst har­ten Bedin­gun­gen arbei­ten muss­ten, nach­le­sen und nach­hö­ren kann: www.riss-durchs-leben-t.lvr.de/
Die Aus­stel­lung wie­der­um weck­te das Inter­es­se von Schü­lern des Ganz­tags­gym­na­si­um Johan­nes Rau, die dar­auf­hin die AG Ukrai­ne grün­de­ten. Sie forsch­ten und fan­den eine Part­ner­schu­le in der Ukrai­ne (die Schu­le Nr. 10 in Chmel­nyzkyj), mit der man zusam­men an der Recher­che und Auf­ar­bei­tung der schmerz­li­chen, gemein­sa­men Geschich­te arbei­te­te. In der Part­ner­schafts­ur­kun­de wird erklärt:

Unse­re Zusam­men­ar­beit beab­sich­tigt unse­re Jugend­li­chen auf­grund der
Erkennt­nis­se aus der Geschich­te und Dis­kus­sio­nen  über die Pro­ble­me der
Gegen­wart ein­an­der näher­zu­brin­gen. Mit der Wah­rung der his­to­ri­schen
Erin­ne­run­gen über die kom­pli­zier­ten und wider­sprüch­li­chen Ereig­nis­se der
Ver­gan­gen­heit soll unse­rer Über­zeu­gung nach Frei­heit, Men­schen­wür­de und
gegen­sei­ti­ger Respekt in einer mul­ti­kul­tu­rel­len glo­ba­li­sier­ten Welt
gewähr­leis­tet wer­den.
Hier­mit bekun­den wir unse­re Absich­ten, mit his­to­ri­schen Quel­len und
Zeit­zeu­gen zu arbei­ten sowie die Kul­tu­ren unse­rer Völ­ker ken­nen­zu­ler­nen.
Die Koope­ra­ti­on  zielt auf gegen­sei­ti­ge Besu­che unse­rer Schu­len und the­ma­tisch bedeut­sa­mer  his­to­ri­scher Orte.
Wir hof­fen, dass unse­re Freund­schaft zur Wei­ter­ent­wick­lung unse­rer
Zivil­ge­sell­schaf­ten als einer Gemein­schaft von frei­en Bür­gern in Euro­pa
bei­tra­gen wird.”

Im Novem­ber 2012 reis­ten die Schü­ler zum drit­ten Mal in die Ukrai­ne und forsch­ten dies­mal dort an 105 Feld­post­brie­fen deut­scher Sol­da­ten, die in einem zer­stör­ten Post­amt zurück­ge­blie­ben waren und seit­dem unge­öff­net in einem ukrai­ni­schen Gebiets­ar­chiv ruh­ten. Dabei haben die Schü­le­rIn­nen bewun­derns­wert prä­zi­se, ein­fühl­sam und mit viel Enga­ge­ment Geschich­te erar­bei­tet und prä­sen­tie­ren die Ergeb­nis­se eben­falls online: Ges­tern ist heu­te nicht vor­bei
Doch auch damit ist es nicht vor­bei. Mit ihrer Arbeit haben die Schü­le­rIn­nen und der LVR in der Ukrai­ne viel Auf­merk­sam­keit für ein ver­dräng­tes, fast ver­ges­se­nes The­ma geweckt und mit gro­ßem Echo hat man in den ukrai­ni­schen Medi­en auf die Arbeit der Schü­le­rIn­nen reagiert. Denn in der Ukrai­ne wur­den die zurück­keh­ren­den Zwangs­ar­bei­ter oft kei­nes­wegs wie ent­führ­te und geschun­de­ne Mit­bür­ger behan­delt, son­dern wie Kol­la­bo­ra­teu­re mit dem Feind der Sowjet­uni­on.
Hier und dort wer­den wei­ter Fra­gen gestellt und zusam­men Ant­wor­ten gesucht. Denn Ges­tern ist heu­te noch nicht vor­bei. Mor­gen viel­leicht.

Veranstaltungsreihe: Konsumtempel und Ort der Moderne — 100 Jahre Warenhaus Tietz in Wuppertal

Am mor­gi­gen Sams­tag, den 14.April 2012, star­tet um 11 Uhr an der Nord­fas­sa­de des Kauf­hofs (Neumarktstraße/Genügsamkeitsstraße) die Ver­an­stal­tungs­rei­he “Kon­sum­tem­pel und Ort der Moder­ne — 100 Jah­re Waren­haus Tietz in Wup­per­tal” der Begeg­nungs­stät­te Alte Syn­ago­ge mit der Eröff­nung eines ganz beson­de­ren Schau­fens­ters, in dem Pro­duk­te aus dem Waren­haus Tietz aus­ge­stellt wer­den. Die Mehr­zahl stammt aus dem Besitz von Pri­vat­per­so­nen aus Wup­per­tal und Umge­bung. Das Aus­stel­lungs­schau­fens­ter (“Schön ein­kau­fen bei Tietz”) ist bis zum 27.April zu sehen.

Am 12.April 1912 eröff­ne­te die Leon­hard Tietz AG am Neu­markt ihre präch­ti­gen Neu­bau, der heu­te noch der GALERIA Kauf­hof als Stand­ort für ihr Kauf­haus dient. Das Elber­fel­der Waren­haus galt bei sei­ner Ein­wei­hung neben dem 1909 errich­te­ten Bau in Düs­sel­dorf als das größ­te und bedeu­tends­te Waren­haus in Deutsch­land. Leon­hard Tietz (1849–1914) war 1889 aus Stral­sund nach Elber­feld gekom­men, wo er sein ers­tes Geschäft grün­de­te und eine revo­lu­tio­nä­re Idee ent­wi­ckel­te: Waren­häu­ser, die einem brei­ten Publi­kum Zugang zum Kon­sum einer brei­ten Waren­viel­falt ermög­lich­te — zu fes­ten Prei­sen, ohne Kauf­zwang, mit der Mög­lich­keit Waren umzu­tau­schen. Nach dem Macht­an­tritt der Natio­nal­so­zia­lis­ten wur­de das Unter­neh­men, des­sen Grün­der und eini­ge Vor­stand­mit­glie­der jüdi­schen Glau­bens waren, “ari­siert” und als “West­deut­sche Kauf­hof AG” neu­eröff­net und fort­ge­führt.
Mit zahl­rei­chen Part­nern erin­nert die Begeg­nungs­stät­te Alte Syn­ago­ge vom 14. bis zum 27.April 2012 in ver­schie­de­nen Ver­an­stal­tun­gen an die­ses wich­ti­ge Kapi­tel deutsch-jüdi­scher (Stadt-)Geschichte.
Wei­te­re Infor­ma­tio­nen gibt es auf der Home­page der Begeg­nungs­stät­te Alte Syn­ago­ge.