Gedenktafel zur Erinnerung an die Opfer nationalsozialistischer Verfolgung durch die Geheime Staatspolizei

Am 1.September 1939 überfiel das nationalsozialistische Deutschland Polen und entfesselte den Zweiten Weltkrieg. Am selben Tag wurde in Wuppertal das Polizeipräsidium eingeweiht. 60 Jahre später wurde aus Anlass dieses Jahrestages eine gläserne Gedenktafel am Eingang eingeweiht, die an die Verfolgung durch die Geheime Staatspolizei (Gestapo) erinnert, die in diesem Gebäude eine Dienststelle mit 40 Beamten bezogen hatte. In den 70 Zellen des zugehörigen Polizeigefängnisses folterte und misshandelte die Gestapo unter Duldung der Staatsanwaltschaft ihre Opfer. Für viele waren die Zellen „Wartezimmer des Todes“, so Polizeipräsident Köhler, bevor sie in Konzentrationslagern ermordet wurden. Auch verbrachten 64 der 71 Opfer der Morde in der Wenzelnbergschlucht hier ihre letzte Nacht.[1]
Auslöser für die Anbringung der Gedenktafel war eine Veranstaltung im Saal 300 des Polizeipräsidiums, die die Begegnungsstätte Alte Synagoge
1997 zur Erinnerung an den Bialystok-Prozess, der in diesen Räumen stattfand,
ausgerichtet hatte. Es folgte ein Gesprächskreis auf Initiative des Sozialwissenschaftlers Michael Okroy, der zusammen mit dem Polizeipräsidenten die Aufstellung eines Gedenkzeichens vorantrieb.[2]
Die Gedenktafel am Polizeipräsidium.
Die Inschrift der Gedenktafel lautet:
„Wir wollen nicht vergessen!Am 1.September 1939 wurde das
neuerbaute Polizeipräsidium Wuppertal
bezogen. Neben dem Polizeigefängnis
befand sich in diesem Gebäude bis
1945 auch die örtliche Dienststelle der
Geheimen Staatspolizei.Die Gestapo inhaftierte, verhörte und
mißhandelte hier Menschen, die aus
politischen, religiösen, rassistischen oder
weltanschaulichen Gründen verfolgt
wurden. Zu den Opfern gehörten Sozial-
demokraten, Kommunisten, Angehörige
der Kirchen und anderer Religions-
gemeinschaften, Juden, Sinti und Roma,
Homosexuelle und ausländische
Zwangsarbeiter. Viele von Ihnen kamen
von hier direkt in Konzentrationslager.

Zwischen 1941 und 1944 organsierte die
örtliche Gestapo sechs Massentransporte.
Etwa 1.000 jüdische Männer, Frauen und
Kinder aus Wuppertal, Remscheid
und Solingen und umliegenden Städten
wurden in Ghettos und Vernichtungslager
deportiert und dort ermordet.

Der Polizeipräsident Wuppertal

1.September 1999“

Zur Gedenkfeier, die der Einweihung vorausging, erschienen Oberbürgermeister Kremendahl, Bürgermeisterin Wohlert, der Bundestagsabgeordnete Bertl (SPD), Vertreter des Innenministeriums des Landes und der Bezirksregierung, zahlreiche Ratsmitglieder aus Wuppertal, Solingen und Remscheid, Verteter der christlichen Kirchen und der jüdischen Kultusgemeinde, darunter der ehemalige langjährige Vorsitzende Bleicher, der selbst Opfer des NS-Regimes geworden war. Außerdem erschienen Vertreter des Deutschen Gewerkschaftsbundes, des Landesverbands der Sinti und Roma, der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes und Vertreter der Wachturmgesellschaft.[3]
Polizeipräsident Köhler führte in seiner Rede aus, dass es keine Kontinuität zwischen der Polizei von damals und der von heute gebe. „Mit der damaligen Polizei wollen wir nichts zu tun haben.“[4] Dennoch müsse man sich der eigenen Geschichte stellen und sie nicht mit Tabus belegen. Der Anfang der Nazi-Verbrechen geschah in unseren Städten und Gemeinden. „Von hier aus diesem Polizeipräsidium führte die Blutspur direkt die in die Vernichtungslager“, das solle an diesem Tag in Erinnerung gerufen werden.[5]
Anschließend sprach Oberbürgermeister Kremendahl. Er erinnerte unter anderem daran, dass das Gebäude in der Nachkriegszeit als Rathaus fungierte und mit Robert Daum ein Oberbürgermeister die Stadt führte, der selbst in den Zellen der Gestapo gesessen hatte. Gerade Angesichts der Verbrechen, die in diesem Gebäude von Menschen verübt worden waren, „ist es so wichtig, daß wir unsere Demokratie nicht selbstverständlich hinnehmen.“ Kremendahl appellierte an die Zuhörer sich immer wieder für die Demokratie einzusetzen, in der Hoffnung, dass solche Verbrechen nie wieder geschehen mögen.[6]
Es folgte die Ansprache von Dr.Ulrike Schrader, Leiterin der Begegnungsstätte Alte Synagoge, die die „qualifizierte“ Beschäftigung des Polizeipräsidiums mit seiner NS-Vergangenheit begrüßte und verdeutlichte, dass nur 43 Gestapo-Beamte inklusive der Schreib- und Hilfskräfte eine 400.000 Einwohner-Stadt überwachen sollten. Eine allumfassende Überwachung der Bürger in der NS-Zeit hat es nicht gegeben, auch wenn Historiker die so lautende Inszenierung der Gestapo ungeprüft lange Jahre in die Geschichtserzählung übernahmen. Es war ein Mythos. (Um so erschreckender wird inzwischen die weitverbreitete Denunziation von der Forschung wahrgenommen, die ja auch im Fall der Caritas-Sekretärin Maria Husemann zur Verhaftung führte.) Nach diesem eher allgemeinen Bemerkungen zur Gestapo ging Frau Schrader auf einzelne Schicksale ein, die sich aus den Akten erschließen lassen und betonte das Wirken des Kriminalbeamten Paul Kreber, an den inzwischen eine eigene Gedenktafel erinnert. Sie erinnerte an die Leitung der Deportation der Juden durch die Gestapo und begrüßte, dass alle Opfergruppen auf der Gedenktafel vertreten seien und auch lange Zeit diskriminierte Gruppen wie Homosexuelle oder „Asoziale“ nicht länger missachtet werden. Aber sie mahnte auch an, dass die Arbeit der Historiker nun erst beginnen müsse, um auch am Beispiel der Polizeibehörden Tabus zu entkräften und Klischees und Mythen zu erkennen, damit das Erinnerungszeichen als glaubwürdig wahrgenommen werde.[7]
Die Gedenkfeier wurde vom Klarinettenensemble des Landespolizeiorchesters NRW begleitet. Nach der Gedenkfeier folgte die Enthüllung der Gedenktafel und eine Kranzniederlegung durch den Oberbürgermeister und den Polizeipräsidenten[8] unter musikalischer Begleitung des Blechbläserensembles des Landespolizeiorchesters NRW.Am 1.Dezember 2000 wurde im Polizeipräsidium eine Gedenktafel für den Polizisten Paul Kreber enthüllt, der während des NS-Zeit Sinti und Roma vor der Deportation bewahrte.

[1] Dokumentation der Gedenkfeier zur Erinnerung an die Opfer nationalsozialistischer Verfolgung durch die Geheime Staatspolizei in Wuppertal 1939 bis 1945, herausgegeben vom Polizeipräsidenten Wuppertal in Verbindung mit dem Ressort Presseamt und Stadtmarketing der Stadt Wuppertal und der Begegnungsstätte Alte Synagoge, Wuppertal 1999, S.1f.
[2] Ebenda, S.9f.
[3] Ebenda, S.1.
[4] Ebenda, S.1f.
[5] Ebenda, S.4.
[6] Ebenda, S.6f.
[7] Ebenda, S.10ff.
[8] Holger Stephan,“Das Vergangene ist niemals tot“, in: WZ vom 2.9.1999

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